Organum

Über die Entwicklung der ORGANUM-Reihe:


0rganum hat sich zur Aufgabe gesetzt, die lebensfähigen Werke des Bachzeitalters und der vorbachischen Zeit in praktischen Ausgaben zur Pflege in Schule, Kirche und Haus vorzulegen.

Die Sammlung will nie und nimmer eine Musikgeschichte in Beispielen sein, denn diese Aufgabe kommt den „Denkmälern der Tonkunst“ zu. Nein, einzig und allein der musikalische Eigenwert der Kompositionen ist für die Neuausgabe ausschlaggebend. Ferner sind die Bearbeitungen nur für lebendiges Musizieren und den praktischen Musiker, nicht aber für Philologen bestimmt. Max Seiffert hat die Sammlung nach einem fest umrissenen Plan angelegt und seine Ziele weit gesteckt. Die Veröffentlichungen, herausgewachsen aus den Stilaufführungen der Akademie für Kirchen- und Schulmusik in Charlottenburg, gliedern sich in vier Reihen.

 


In der I. Reihe  „Geistliche Gesangsmusik“ bringt Prof. Seiffert mit Kompositionen von Schütz und Weckmann, Kuhnau, Zachow, Krieger, Tunder u. a. Hauptvertreter der deutschen evangelischen Kirchenmusik. Die katholische Kirchenmusik ist durch J. P. Sweelinck nicht minder gut vertreten. Der Plan des Herausgebers geht nun dahin, durch echt musikantische Werke der Hamburger Kantoren von Thomas Seile bis Georg Philipp Telemann diese Reihe weiter auszubauen. Zusammenhängende Proben aus dem Schaffen der Thomas- und Kreuzkantoren werden folgen. Ferner soll das bisherige Bild der Entwicklung der Kantate aus der unmittelbar vorbachischen Zeit vervollständigt werden durch Werke von Erlebach, Brunckhorst, Nikolaus Bruhns u. a.

Ein besonderes Augenmerk soll auf die thüringischen Gebrauchsmotetten des 17. und 18. Jahrhunderts gerichtet sein, von denen in zahllosen Abschriften und Sammlungen prächtige Werke vorliegen, die besonders zu den hohen Kirchenfesten von der Kurrende gesungen wurden.

Die II. Reihe, welche die weltliche Gesangsmusik umfasst, wird die bisher dargebotene Auswahl der Lieder durch Beispiele aus dem Kreise um Rist und Zesen ergänzen. Auch aus dem modischen Opernarien-Geschmack gegen 1700 werden wirkungsvolle Beispiele beigebracht. Es folgen weiter Stücke zur Kennzeichnung der Liedkomposition im 18. Jahrhundert. Es genügt wohl, auf den Leipziger Kreis um Sperontes, den Hamburger um Telemann und Görner, den Berliner um Gräfe, Kirnberger und Graun und den süddeutschen um das „Augsburger Tafelkonfekt“ hinzuweisen.

Eine besondere Freude steht den Liebhabern alter Kammermusik (Reihe III.) bevor, denn diese Reihe wird eine starke Ergänzung erfahren durch Werke aus der Rats-Ensemblemusik und Solospielmusik auf deutschem Boden. Diese Reihe, die „Kompositionen der Hamburger, Lübecker, Danziger, Leipziger, Dresdner usw. Ratsmusikanten bringt, gibt zugleich den besten praktischen Führer und Wegweiser ab durch das Gebiet der mehrstimmigen Suite, der Sinfonie, des Trios und der Solosonate.  An ganz hervorragenden Beispielen wird man unschwer beobachten können, wie die formbildenden Gedanken sich entwickeln, mannigfach durcheinanderlaufen und sich verketten. Späterhin sollen auch einige charakteristische Stücke von Quantz, Friedrich dem Großen, Prinz Ernst von Weimar u. a. geboten werden.

In der IV. Reihe endlich, welche die Orgelmusik umfasst, ist neben der norddeutschen Orgelschule mit ihren freien Formen auch die süd- und mitteldeutsche zur Geltung gekommen. Werke aus dem Frescobaldi- und Frobergerkreise, ferner Beispiele des Nürnbergers Pachelbel, dessen Stil bis in die Bachzeit hinein großen Einfluss ausübt, liegen bereits vor. Kompositionen aus der Bachfamilie werden folgen.

Den Schluss dieser Reihe wird eine große Sammlung von Choralbearbeitungen bilden. Nach Schulen getrennt und alphabetisch geordnet, wird sie die wertvollsten Stücke älterer Zeit wieder ans Licht bringen und vereinen.

Obgleich nur in großen Zügen dargestellt, dürfte dieser Überblick den Wert und die Reichhaltigkeit der Sammlung „Organum“ offenkundig gemacht haben. Sie ist von keiner anderen für den praktischen Gebrauch bestimmten Sammlung an sorgfältiger Auswahl und Edition übertroffen, und keine steht so einheitlich und geschlossen da, dank der Persönlichkeit des Herausgebers. Wer die Sammlung „Organum“ im Besitz hat, nennt damit nicht nur eine glänzende Auswahl der besten Musikwerke der deutschen sowie der ausländischen musikalischen Vergangenheit sein Eigen - soweit sie richtunggebend für die deutsche wurde – sondern er hat zugleich ein abgerundetes und vollständiges Bild aus einem Zeitraum von zirka 150 Jahren gewonnen.

Dr. Walter Lott (1892 – 1948)